Seminarkurs Martin Kieß
2005:  Jonas Gaiser: Castel del Monte

Einführung in den nachfolgenden Vortrag von Jonas Gaiser:

Eine weiterentwickelte Variante des unter 2) stehenden Vortrages zu Castel del Monte, gehalten von Jonas Gaiser im Dezember 2004 in der Volksbank von Kirchheim, wurde am 11. Mai 2005 wiederum von Jonas Gaiser im Vortragsraum der Stuttgarter Universitätsbibliothek im Rahmen der vom Italienischen Kulturinstitut organisierten Friedrich-II.-Tagung präsentiert.

Ehrenvoll für den Seminarkurs war die Teilnahme zweier bedeutender Gelehrter an der Tagung. Zunächst las Professor Wolfgang Stürner von der Universität Stuttgart, dem die derzeit wichtigste Biografie zu Friedrich II. zu verdanken ist, über die politische Wirkungsgeschichte Friedrichs II. in Apulien. Im Anschluss daran referierte Professor Cosimo Fonseca, einer der großen Gelehrten Italiens, Autor und Herausgeber unzähliger Fachpublikationen zur mitteralterlichen Geschichte und Architektur Italiens sowie Kenner der italienischen Kastelle Friedrichs II., über die Geschichte der einzelnen Kastelle Süditaliens und ihren Erhaltungszustand.
Abschließend war unser Seminarkurs an der Reihe.
Martin Kieß sprach in einer kurzen Einführung die Probleme der Geschichtswissenschaft mit Castel del Monte an, die in einer Aussage des Historikers und Bauforschers Carl Arnold Willemsen aus dem Jahre 1981 besonders deutlich zum Ausdruck kommen, die Resignation erahnen lässt und die eigentlich sein Vermächtnis zu Castel del Monte darstellt, das die nachfolgende Forschergeneration offensichtlich leider verinnerlicht hat als das abschließende Urteil auf der letzten Seite seine letzten Buches zu Castel del Monte:

"Das entrückte, gegen die Außenwelt so stolz sich verschließende Bauwerk wird in Bezug darauf (d.h. in Bezug auf die Bedeutung von Castel del Monte) weiterhin ein Ärgernis der Wissenschaft bleiben, das man aber immer wieder vergessen wird, da Castel del Monte ebenfalls nicht aufhören wird, die Herrlichkeit der Majestät nach allen Seiten hin auszustrahlen wie den Glanz eines Sternes."

Dabei verwendete Willemsen offensichtlich doch etwas missbräuchlich eine der schönsten Strophen, die jemals von einem Deutschen zu Italien geschrieben wurde, die vorletzte Strophe des von Josef Eichendorf stammenden Gedichtes "Rückkehr":

Ich komme aus Italien fern
Und möchte alles berichten
Über den Berg Vesuv und Romas Stern
Die alten Wundergeschichten.

Neben Willemsen galten vor allem Wolfgang Krönig die Hoffnungen, das endgültige Wort zu Castel del Monte sagen zu können. Aber auch Krönig bleibt in bescheidenen Aussagen zu Castel del Monte stecken:

"Die herrscherliche Darstellung in diesen Bauten ragt hinein in eine Zone des Zweckfreien, das in dem Charakter und der Bezeichnung des "Idealbaus" zum Ausdruck kommt. Dieser "ideale" Charakter des Baus gilt am eindeutigsten für Castel del Monte..."

Den Gipfel der Hilflosigkeit unter den veröffentlichten Formulierungen bedeutender Forscher erreicht der Architekt und Bauhistoriker Walter Leistikov mit den Worten aus dem Jahre 2001:

"Die vorausgegangenen Ausführungen zu einigen Urkunden, Beobachtungen und Fragestellungen mögen deutlich machen, dass wir mit Fragen und Antworten zu diesem Monument keineswegs am Ende sind, dass der Wissenschaft vielmehr noch mühsame Stationen bevorstehen, um den verborgenen Code dieses Bauwerks, das Walter Hotz treffend eines der geistvollsten der Menschheitsgeschichte nannte, vielleicht einmal zu entschlüsseln."

Insofern scheint es, dass die minutiöse Vermessung der Karlsruher Vermessungsgrupe um Wulf Schirmer und Wolfgang Zick in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts für die Forschung nicht viel gebracht zu haben.
Aber dies täuscht! Dank der Ergebnisse dieser großangelegten Vermessung wurde auch unser Seminarkurs aufmerksam auf Castel del Monte und scheint dank der Messergebnisse den Schlüssel vom Code zu Castel del Monte gefunden haben.

Aber ohne den Einsatz, ja ohne die Beachtung der im Mittelalter wichtigsten Wissenschaften Mathematik, Astrologie und Astronomie scheint es manchem bedeutenden Historiker oder Kunsthistoriker mit Castel del Monte so ergangen zu sein, wie es auf dem Plakat einer Psychologen-Veranstaltung im Frühjahr 2005 in Palermo zu sehen ist.

Mit der Einbeziehung der platonisch-phythagoräischen Vorstellung des Kosmos, die das Weltbild des Mittelalters maßgeblich mitbestimmte, von Mathematik, Astronomie, Astrologie und der Karlsruher Messergebnissen konnte der Seminarkurs den Schlüssel zu Castel del Monte finden.

Der unten wiedergegebene Vortrag von Jonas Gaiser, Teilnehmer des Seminarkurses 2001/02, derzeit Jura-Student in Freiburg, beinhaltet den derzeitigen Forschungsstand des Seminarkurses. Weitere Ergebnisse stehen kurz vor ihrer endgültigen Klärung. Sie werden aber hier noch nicht behandelt.

Um den Vortrag von Jonas Gaiser in der Universitätsbibliothek zu illustrieren, wurde von Sebastian Ehni in einer Power-Point-Präsentation eine große Anzahl von Bildern und Diagrammen gezeigt.
Höhepunkt war die von Thorsten Fackelmann vorbereitete Vorführung einer mit Musik unterlegten Bildfolge, die im Rhythmus von "Le Sacre du Printemps", dem berühmten Stück Igor Strawinsky's, gezeigt wurde, wechselnd zwischen Bildern von Castel del Monte und Bildern von Details der Fußböden zweier Palermitaner Kirchen, der Cappella Palatina und der Martorana. Sebastian und Thorsten sind Teilnehmer des Seminarkurses 2004/05.

 

 

Vortrag von Jonas Gaiser:
"Castel del Monte ist das steinerne Abbild der oktogonale Planetenkonstellation vom 26.12.1241"

Meine Damen, meine Herren,
sehr geehrte Frau Doktor Cuffaro, Frau Rizotti,
sehr geehrte Veranstalter und Gastgeber der Universitätsbibliothek,

ich freue mich sehr, dass es möglich wurde, heute und hier diesen Vortrag halten zu können. Und ich freue mich, dass sie gekommen sind, um mehr über ein Gebäude zu erfahren, das ein steinernes Zeichen für die Gelehrtheit seiner geistigen Väter ist, nämlich das Castel del Monte in Apulien, im Süden Italiens zwischen Foggia und Bari gelegen.

Mein Name ist Jonas Gaiser. Vor drei Jahren nahm ich an einem Seminarkurs des Ludwig-Uhland-Gymnasiums Kirchheim unter Teck teil, den mein damaliger Lehrer, Herr Martin Kieß, leitete. Dieses Seminar ist Teil einer ganzen Serie, die sich mit der Geschichte mittelalterlicher Bauwerke sehr intensiv auseinandersetzt. Im Zuge dieses Seminarkurses erstellte ich ein Computerprogramm zur Berechnung und Darstellung der Planetenkonstellationen unseres Sonnensystems zu einem beliebigen Zeitpunkt an einem beliebigen Ort der Erde. Was das mit Castel del Monte zu tun hat, werden wir im Laufe des Vortrages noch hören.

Das Castel del Monte fällt dem heute lebenden Menschen schon durch seine besondere achteckige Form auf. Als ein außergewöhnliches Schmuckstück thront es auf einer Erhebung jenseits aller strategisch wichtigen Straßen. Obwohl die Via Appia 10 km entfernt vorbeiführt, scheint es weder durch seine Position noch durch seine Konstruktion von militärischer Bedeutung gewesen zu sein. Denkbar wäre vielleicht, dass es als Signalstation gedient haben könnte, denn die Sicht reicht bis an die Stadt Bari am Adriaufer und auch bis zu anderen Kastellen im Umkreis. Es ist auch nicht nachgewiesen, ob der Erbauer und Besitzer des Castel del Monte, Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, sich dort aufhielt. Aber wir haben die wohl begründete Vermutung dazu.

Das Bild, das Sie hier sehen, zeigt Friedrich II., so wie ihn italienische Wissenschaftler der stark beschädigten Büste von Barletta nachempfunden haben.
So wie viele mittelalterliche Burgen war Castel del Monte, nachdem seine Zeit vorübergegangen war, dem Verfall preisgegeben. Erst im letzten Jahrhundert hat es der italienische Staat einige Male einer Restaurierung unterzogen.

Warum aber hat Castel del Monte diese einmalige Form erhalten?
Warum wurde es überhaupt erbaut und
warum steht es an diesem heute abgelegenen Ort?


Die gezeigten Bilder sollen ihnen dabei zur Einstimmung dienen. Sie alternieren zwischen Ansichten von Castel del Monte und Details von Böden und Wänden der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Kirchen Cappella Palatina und Martorana, die Friedrich II. in seiner frühsten Kindheit genauso gesehen haben mag. Nicht gezeigt werden die weltberühmten Mosaiken der Hochwände dieser Kirchen.

Anlass unserer Beschäftigung mit Friedrich II. und seinem Castel del Monte war eine Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart, welche die Ergebnisse der Karlsruher Forschungsgruppe um Wulf Schirmer und Wolfgang Zick präsentierte. Die exakte Vermessung des Schlosses und die sich daraus fast zwangsläufig ergebende Verwerfung der bisher bekannten esoterischen Theorien zum Castel del Monte hatten es Martin Kieß im Frühjahr 2001 so angetan, dass er Castel del Monte als Thema für einen Seminarkurs 2001/2002 anbot. Es ergab sich eine Gruppe mit 16 Schülern. Andreas Götz wurde dazugewonnen, weil er sich von den naturwissenschaftlichen Aspekten, die das Thema Friedrich II. durchdringen, angezogen fühlte. Schon Ende November 2001 war es für alle überraschend zum sensationellen Ergebnis gekommen, über das auch die Presse ausführlich berichtete. Vor allem Frau Iris Häfner vom Teckboten hatte mit ihrem Bericht "Beim dritten Fenster fanden sie geradezu Unglaubliches" unsere Entdeckung spektakulär bekannt gemacht.
Die Achteck-Form des Castel del Monte ist aller Wahrscheinlichkeit nach als steinernes Abbild der Planetenkonstellation vom 26.12.1241, dem 47. Geburtstag Friedrichs II., um 16:40 Uhr Ortszeit Castel del Monte zu sehen.



Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde am Stefanstag, am Montag, dem 26. Dezember 1194, auf dem Marktplatz in Jesi in den Marken, in der Nähe von Ancona geboren. Dass er später so eindringlich auf seinen Geburtstag und den Geburtsort hingewiesen hat, ist für die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches einmalig. Nach dem frühen Tode seines Vaters, Heinrich VI., wurde er am Pfingstsonntag 1198 in Palermo mit Zustimmung seines Vormundes, des Papstes Innozenz III., als Dreijähriger zum König von Sizilien gekrönt. Als 20-jähriger wurde er am 25. Juli 1215 in Aachen zum deutschen König gekrönt und schließlich am Sonntag, dem 22. November 1220, von Papst Honorius III. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches eingesetzt. Am 18. März 1229 - es war wieder ein Sonntag - krönte sich Friedrich selbst zum König von Jerusalem, indem er sich die Krone des Königreiches Jerusalem aufsetzte. Auffallend ist dann, dass er im Jahre 1233 seinen 39. Geburtstag im Königreich Sizilien öffentlich feiern lässt, also acht Jahre vor seinem für uns wichtigen Geburtstag. Man weiß, dass Friedrich II. am 28. Januar 1240 anordnete, Baumaterial zum Errichten eines Castels auf den Hügel zu schaffen, auf dem die Kapelle Santa Maria del Monte stand. Nachdem sein größter Gegenspieler, Papst Gregor IX., am 22. August 1241 gestorben war und der am 25. Oktober gewählte Coelestin IV. ihm bereits 15 Tage später ins Grab nachfolgte, herrschte auf dem Papstthron 22 Monate lang Sedisvakanz. In dieser Zeit war Friedrich II. der unumschränkte Herrscher des Abendlandes. Erst wieder 1245 entstehen für ihn größere politische Probleme.



Um auf das Jahr 1241 zurückzukommen: Am 1. Dezember 1241 starb seine dritte Frau, Isabella von England, in Foggia und wurde in der Kathedrale von Andria, der Friedrich immer treu ergebenen Stadt, also in der unmittelbaren Nähe des damals erst geplanten Castel del Monte neben der zweiten Frau Jolande bestattet. Man weiß, dass sich Friedrich II. im Dezember 1241 in seiner Hauptresidenz in Foggia aufgehalten hat, also wohl am Sterbebett seiner Frau zugegen war und vermutlich auch bei ihrem Begräbnis in Andria. Von dort aus waren Ausflüge zu dem nahen Hügel in der Murge, auf dem das Castel erbaut werden sollte, durchaus denkbar.





Aus unserer Sicht fand dann die feierliche Grundsteinlegung von Castel del Monte in seiner Anwesenheit am 26. Dezember 1241, also an seinem 47. Geburtstag, zwischen 16 und 17 Uhr statt.


Wie eine Weihe dieser Art im 13. Jahrhundert ausgesehen haben könnte, mit repräsentativen Gästen, der Hofastrologenschar und Priestern, kann heute nicht mehr unbedingt nachvollzogen werden. Immerhin gibt es ein Zeugnis für eine astrologische Grundsteinlegung durch Guido Bonatti oder Bonatto, dem führenden Astrologen des 13. Jahrhunderts, der in jungen Jahren am Hofe Friedrichs II. sein Handwerk gelernt hatte. Der größte Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, der Basler Jacob Burckhardt, berichtet in seiner „Cultur der Renaissance in Italien“ von 1860 über eine Grundsteinlegung in Forli folgendes:
„Ein gewaltiges Beispiel der letzteren Art findet sich im Leben des oben genannten Guido Bonatto, welcher überhaupt durch seine Tätigkeit sowohl als durch sein systematisches Werk der Wiederhersteller der Astrologie im 13. Jahrhundert heißen darf. Um dem Parteikampf der Guelfen und Ghibellinen in Forli ein Ende zu machen, beredete er die Einwohner zu einem Neubau ihrer Stadtmauern und zum feierlichen Beginn desselben unter einer Konstellation, die er angab. Wenn dann Leute beider Parteien in demselben Moment jeder seinen Stein in das Fundament würfen, so würde in Ewigkeit keine Parteiung mehr in Forli sein. Man wählte einen Guelfen und einen Ghibellinen zu diesem Geschäfte. Der hehre Augenblick erschien, beide hielten ihre Steine in der Hand, die Arbeiter warteten mit ihrem Bauzeug, und Bonatto gab das Signal, - da warf der Ghibelline sogleich seinen Stein hinunter, der Guelfe aber zögerte und weigerte sich dann gänzlich, weil Bonatto selber als Ghibelline galt und etwas Geheimnisvolles gegen die Guelfen im Schilde führen konnte. Nun fuhr ihn der Astrologe an: „Gott verderbe dich und deine Guelfenpartei mit eurer misstrauischen Bosheit! Dies Zeichen wird 500 Jahre nicht mehr am Himmel über unserer Stadt erscheinen!“ In der Tat verdarb Gott nachher die Guelfen von Forli, jetzt aber sind Guelfen und Ghibellinen hier doch gänzlich versöhnt, und man hört ihre Parteinahmen nicht mehr.“

Soweit Jacob Burckhardt. - Ich fasse zusammen, dass er im Jahre 1860 dokumentierte, dass Horoskope zu Grundsteinlegungen großer Gebäude herangezogen wurden und Guido Bonatto im 13. Jahrhundert astrologisch begründete Zeremonien durchführte. Diese Belege sind für unsere Deutung des Baus von Castel del Monte von Bedeutung.
Damit wären wir nun in der Gedankenwelt der Astrologie angelangt, die damals als Wissenschaft galt, heute von vielen belächelt und mitnichten für ernst gehalten wird. Dies ist aber ohne Belang, denn es gilt für die heutige Forschung einfach nur, sich in dieses Denken der damaligen Menschen hineinzuversetzen, um ihre Handlungsweise verstehen zu können.
Wir dürfen uns die Grundsteinweihe von Castel del Monte, die terminlich von der sich am 26.12.1241 ergebenden, an sich äußerst seltenen planetaren, regelmäßigen Achtsternkonstellation abhing, durchaus als seltsam aber großartig vorstellen, zumal an einem süditalienischen Spätnachmittag fünf Tage nach der Wintersonnenwende, als die Sonne gerade im Untergehen begriffen war. Am Himmel wären dann mit fortgeschrittener Uhrzeit und aufkommender Dunkelheit Mars und Jupiter immer besser zu sehen gewesen, während Saturn, Mond und Venus erst in mehreren Stunden aufgehen sollten.
Zusammen belegten die genannten Planeten sowie Sonne und Mond an diesem Tag, am 26. Dezember 1241, zu diesem Zeitpunkt, um 16:40 Uhr, und an den Fundamenten des Castel del Monte sechs Ecken eines nahezu regelmäßig in den Tierkreis einbeschriebenen Achtecks.
Die Sonne stand auf 12,5° Steinbock und ging gerade im Westen unter. Im Osten stand der nicht von einem Planeten belegte 13. Grad des Krebses. Dieser Ort bestimmte nach dem Glauben der Alten den günstigsten Zeitpunkt der Grundsteinlegung. Er sollte wie jeder Grad des Tierkreises mit bestimmten Dämonen besetzt sein, die vor allem das weitere Schicksal des Schlosses bestimmten, im Oktett mit den restlichen Ecken des Achtecks.
Der aufsteigende Tierkreisgrad hieß früher Horoskop (was bedeutet "die Stunde anzeigend", von griech. horos = die Stunde und skopein = schauen). Heute wird er Aszendent genannt (aus dem Lateinischen ascendere = aufsteigen).
Auf 13° Widder stand noch eine Ecke des Achtecks scheinbar leer. Aber sie war eigentlich schon längst mit dem Glückspunkt besetzt, den auch der Hofastrologe Friedrichs II. in seinem liber introductorius immer wieder erwähnt und der in Grad gerechnet vom Aszendenten gleichweit entfernt ist wie die Sonne vom Mond.

Wenn ich jetzt am 26. Dezember 1241 auf dem Hügel des Castel del Monte wäre, dann hätten sich am Himmel (bzw. unterhalb des Horizonts)

im Osten

der Aszendent,

(12,5° Krebs)

45° weiter

Saturn,

(Jungfrau/Löwe)

im Norden

der Mond,

(12,5° Waage)

noch einmal 45° weiter

die Venus,

(Schütze/Skorpion)

im Westen

die Sonne,

(12,5° Steinbock)

dann

der Mars,

(Fisch/Wassermann)

im Süden

der Glückspunkt,

(12,5° Widder)

und schließlich

Jupiter

(Zwillinge/Stier)

befunden.


Warum wird in all diesen Überlegungen nun so großer Wert auf das Achteck gelegt?

Nun, seit alters her, während der ganzen Geschichte des christlichen Römischen Reiches, stand die Acht als Symbol für Christus, der am dritten Tag wieder auferstand, das heißt am Sonntag, dem achten Tag der Karwoche.
Das Oktogramm, ein aus acht Linien gezogener acht-zackiger Stern, gilt als das Symbol Christi. Eine andere Variante ist die Darstellung aus vier sich kreuzenden Linien.
Die Achtheit ist spätestens seit Konstantin auch ein Symbol der Taufe. Mit ihr wird, nach dem Kirchenvater Ambrosius von Mailand, Vollkommenheit erreicht. Deshalb sind Taufbecken und Taufhäuser seit dieser Zeit meistens achteckig. Die berühmtesten Beispiele sind in Rom, Mailand und Ravenna zu sehen. Kaiser Karl der Große stand dem heiligen römischen Reich als Stellvertreter Christi vor. Er ist das Bindeglied zwischen Kaiser Konstantin und Friedrich II. Ein Mosaik aus dem 9. Jahrhundert vom Triklinium des Lateranpalastes stellt Kaiser Karls Legitimation durch Petrus dar. Karl der Große errichtete auch die achteckige Marienkapelle in Aachen. Dieser und damit auch Friedrich der II. konnten sich als Nachfolger Christi auf dem weltlichen Thron als die Beschützer des Christentums sehen. Dass Friedrich der II. sich persönlich in die Nähe Christi rückte, ist auch dadurch verbürgt, dass er in einem Brief an die Stadt Jesi, seinem Geburtsort, die Aussage machte, sein Bethlehem sei Jesi.
Daraus ergibt sich auch der Grund, warum Castel del Monte erbaut worden ist: Als Antwort auf das sich am 26.12.1241 ergebende Zeichen und in der Tradition Konstantins des Großen und Karls des Großen, die wichtige sakrale Achteckbauten errichteten, und sich als Nachfolger Christi fühlten. Friedrich II. profaniert einerseits die sakrale Form des Achtecks, indem er sie auf Castel del Monte anwendet. Castel del Monte wird nach unserer Sichtweise andererseits durch die Achteckform sakriert.

Sie stellen sich nun bestimmt die Frage, wie wir überhaupt auf den Termin des 26.12.1241 gekommen sind.
Das kam so:

Bei den früheren Untersuchungen der Seminarkurse, die sich mit den Bogenfeldern und Tympana an sakralen mittelalterlichen Bauwerken beschäftigten, ist es gelungen, die darin enthaltenen Symbole als Codes von Datumsangaben für Kirchweihen zu verstehen und zu entschlüsseln. In Veröffentlichungen und Ausstellungen der vergangenen Jahre präsentierten die damaligen Seminarkursteilnehmer und Martin Kieß diese Entdeckung der Öffentlichkeit.
Diese Vorarbeit kam uns beim Castel del Monte zunutze. Auch hier gibt es ein triumphbogenartiges Hauptportal mit zwei Konsolenfriesen, auf dem die Jahreszahlen 1242, 1244 und 1246 für den Beginn und die Beendigung der Bauarbeiten festgehalten sind.
Die Codierung dieser Jahreszahlen basiert auf dem Sonnenzirkel. Alle 28 Jahre wiederholen sich bekanntlich die Wochentage am selben Datum, weil es 7 Wochentage gibt und alle 4 Jahre ein Schaltjahr ist. Darauf ist genau der Julianische Kalender begründet.
Die am Portal zu sehenden Konsolen zählen den Divisionsrest bei einer Division der Jahreszahl durch 28. Es sind in der unteren Reihe 19 bzw. 21 Konsolen zu sehen. Sie stehen für die Jahre 1242 und 1244, die Jahre des Baubeginns und der Baufertigstellung des unteren Stockwerkes. Hierbei muss noch berücksichtigt werden, dass damals der Jahreswechsel an Weihnachten und nicht an Silvester war, d.h. der 25. Dezember gehörte bereits zum folgenden Jahr wie auch der Geburtstag Friedrich II. am 26.12.1241. Man nennt das den sogenannten Weihnachtsstil, der in der römisch-katholischen Kirche üblich war und heute noch ist.
Die obere Reihe zeigt 21 bzw. 23 Konsolen und steht für die Jahre 1244 und 1246, Baubeginn und -fertigstellung des oberen Stockwerks, des sogenannten Piano Nobile.
An den drei Fenstertüren, die in den Innenhof führen, findet man in den Bögen der Supraporten vegetabilische Friese, wie Lorbeerblatt- und Akanthusblatt-Friese, aber auch Eierstab- und Perlstab-Friese, wonach sich mittels einer Codierung über die Anzahl der Jahre, die Friedrich II. deutsch-römischer König war, und über den Mondzyklus die drei genannten Tage bestimmen lassen. Der Mondzyklus besteht aus Monaten mit abwechselnd 29 und 30 Tagen. Ich gehe jetzt nicht im Detail auf die zugehörige Decodierung ein, das wäre im Wortvortrag zu langwierig und schwer nachzuvollziehen.
Auf jeden Fall scheinen die drei in Stein gehauenen Daten wichtige Zeitpunkte im Leben Friedrichs II. und des Castels anzugeben. Der mittlere Termin, der 26.12.1241 (Code 27-20), ist dabei der wichtige für die Datierung des Castel del Monte.
In zeitgenössischen Quellenangaben wird bezeugt, dass im Jahre 1232 Friedrich II. vom Botschafter al Ashrafs, des Sultans von Damaskus, ein zeltförmiges Planetarium geschenkt bekam, weil sich Friedrich während seines Kreuzzuges diplomatisch verhalten hatte und es zu keinem Blutvergießen gekommen war. Friedrich schrieb einmal, neben seinem damals vier Jahre alten Sohn Konrad sei ihm dieses Planetarium das Liebste, was er habe! Vielleicht wurde deshalb vermutlich der 8. September 1232 auf einem Steinfries (Code 18-18) aufgezeichnet.
Am dritten Termin auf dem Steinfries (Code 30-22), Sonntag, dem 25.12.1244, war der Geburtstag Christi. Wir sehen in diesem Termin die Richtfestweihe des jetzt schon überwölbten zweiten Castel-Geschosses. Das Castel wurde dann endgültig 1246 fertiggestellt.

Es lässt sich auch das Messergebnis der Karlsruher Vermessungsgruppe um Wulf Schirmer und Wolfgang Zick erklären, dass die Süd-Nord-Achse und entsprechend die West-Ost-Achse des Schlosses um circa 7,5° im Uhrzeigersinn von der geographischen Nordrichtung bzw. der geographischen Ostrichtung abweicht.
Am 47. Geburstag Friedrichs ging, von dem Hügel aus gesehen, auf dem Castel del Monte errichtet werden sollte, die Sonne mit einem südlichen Azimut von 30° in Bezug auf die geographische Ostrichtung über dem adriatischen Meereshorizont auf, wie man auf einem Astrolabium, in das eine Scheibe für 41° geographische Breite eingelegt ist, unmittelbar ablesen kann.

Oder was auch die folgende Rechnung aufzeigt:
Die Rechnung verwendet die Azimutformel:
cos(Azimut) = (sin(Deklination der Sonne am 26.12.1241) – cos(90,85°) * sin (geogr. Breite)) : (sin(90,85°) * cos(geogr. Breite)) = (sin(-22,8°) - cos(90,85°) * sin(41°)) : (sin(90,85°) * cos(41°)) = cos(120°).
120° entspricht einer südlichen Abweichung von 30° gegenüber der genauen Ostrichtung. Die sogenannte Zentraldistanz von 90,85° setzt sich zusammen aus dem Abstand zwischen Zenit und Osthorizont von 90° und der sogenannten atmosphärischen Refraktion von 0,58°. Zusätzlich wird in der Rechnung auch berücksichtigt, dass die Sonne bereits sichtbar wird, wenn ihr oberer Rand am östlichen Meereshorizont aufsteigt. Also muss zu den Summanden 90° und 0,58° noch die Breite der halben Sonnenscheibe von 0,27° addiert werden. Insgesamt ergeben sich 90° + 0,58° + 0,27° = 90,85°. Damit entspricht das Azimut genau den Beobachtungen, die am Weihetag und auch am 26.12.1240, also ein Jahr früher, gemacht werden konnten, sofern der Himmel nicht bewölkt war.

Wie kann man nun mit dem südlichen Azimut der Sonne von 30° gegenüber der Ostrichtung die 7,5° Abweichung im Uhrzeigersinn der Ost-West-Achse Castel del Montes von der Ostrichtung ableiten?
Die Süd-Nord-Achse und die West-Ost-Achse des Gebäudes verlaufen jeweils durch die Mitten zweier gegenüberliegender Achteckseiten und nicht durch zwei gegenüberliegende Ecken. Wegen der mathematischen Gesetzmäßigkeiten des regelmäßigen Achtecks ist die West-Ost-Achse von Castel del Monte genau 22,5° gegenüber der durch eine Ost-Ecke und die dazu gegenüberliegende Ecke verlaufenden Achse gedreht. Zusätzlich ist die West-Ost-Achse um 7,5° im Uhrzeigersinn gegen die geographische Ostrichtung gedreht.
Im Planeten-Achteck belegte die Sonne eine der Ecken und ging mit einem südlichen Azimut von 30° abweichend von der geographischen Ostrichtung auf. Ist Castel del Monte das Abbild der Planetenkonstellation, müßte entsprechend die südlichere der beiden Ostecken von Castel del Monte gegenüber der geographischen Ostrichtung um 30° und die West-Ost-Achse folglich von der genauen Ostrichtung um 30° - 22,5° = 7,5° abweichen. Dies ist der Fall. Castel del Monte ist also mit seiner südlicheren Ostecke genau in die Richtung der am 26.12.1241 aufgehenden Sonne ausgerichtet oder besser orientiert.
Soweit zur Form und zur Ausrichtung des Castel del Monte.

Eingangs stellte ich die Frage, warum das Castel del Monte an diesem heute abgelegenen Ort steht.

Es sind uns fünf Werke überliefert von einem gewissen Leonardo Bonacci von Pisa (1170-1240). Mathematikern ist er unter dem Namen Fibonacci kein Unbekannter. Seine herausragenden mathematischen Fähigkeiten kamen Friedrich II. zu Ohren. Fibonacci hatte zumindest zwei Audienzen beim Kaiser und somit Gelegenheit, ihm seine arithmetischen Kenntnisse auseinanderzusetzen. Friedrich interessierte sich wohl auch für die Mathematik, denn sonst hätte Fibonacci ihm nicht eines seiner Bücher gewidmet. Sein bedeutsamstes Werk, das liber abaci, hat er dem Hofastrologen Friedrichs II., Michael Scotus, zugeeignet. Kaiser Friedrich wird bei der Ortswahl für ein Bauwerk von symbolhafter Bedeutung mit Sicherheit seine hochrangigen Berater aus allen Zweigen der Wissenschaft konsultiert haben. Fibonacci könnte ihm als bedeutendster Arithmetiker des 13. Jahrhunderts die naheliegende Methode des arithmetischen Mittels vorgeschlagen haben. Als Basisorte gibt es nun acht Orte, die für das Leben Friedrichs II. schicksalhaft waren:


(1) Jesi, sein Geburtsort (Breite 43°31'00"/Länge 13°15'45")
(2) Palermo, die Stadt seiner Krönung zum König von Sizilien am Pfingstsonntag 1198 (Breite 38 °06'44"/Länge 13°20'45")
(3) Aachen, Stadt der Krönung zum deutsch-römischen Kaiser im Juli 1215 (Breite 50 °46'34"/Länge 06°04'32")
(4) Rom, Stadt der Krönung zum römischen Kaiser am 22.11.1220 (Breite 41°53'05"/Länge 12°38'48")
(5) Foggia, Friedrichs II.Hauptresidenz (Breite 41°27'55"/Länge 15°33'48")
(6) Neapel, die größte Stadt des Reiches und Ort der ersten Universität (Breite 40°51'45"/Länge 14°08'30")
(7) Cosenza bzw. San Giovanni in Fiore (Breite 39 °18'59"/Länge 16°16'48") und
(8) Jerusalem bzw. Bethlehem (Breite 31°47'00"/Länge 35°18'00")

Bildet man aus den Längen und Breitengraden dieser Orte den Schwerpunkt (Breite 40°57'53"/Länge 15°49'37"), so kommt man mit einer Abweichung von 7 Bogenminuten nördlich und etwas weniger als einem halben Grad östlich auf Castel del Monte (Breite 41°05'04"/Länge 16 °16'52"). Ist es nicht sinnvoll, für den Mittelpunkt des heiligen römischen Reiches einen Ort zu wählen, der sich sowohl geographisch in der Mitte befindet, als auch eine angemessen exponierte Lage besitzt? Das wäre jedenfalls eine mögliche Antwort auf die Frage.

Mit unseren Forschungen ist es uns nach unserer Überzeugung gelungen, Bauwerke aufgrund ihrer Beziehung auf astronomische Konstellationen genauer als bisher zu datieren. Mit Castel del Monte haben wir einen besonderen Fall, für den sich eine Datierung auf den Tag genau vornehmen lässt.

Aktuell beschäftigt sich die Forschung des Seminarkurses neben Castel del Monte damit, eine Theorie über die Orientation mittelalterlicher Kirchen zu entwickeln, die es erlaubt einen Zusammenhang zwischen dem Titelheiligen und der praktisch fast für jede Kirche unterschiedlichen Ostausrichtung herzustellen. Bereits umfangreiche Unterstützung gewährten dabei über 40 Vermessungsämter, die Oberkirchenratsämter, die Diözesanämter und die Landesdenkmalämter Baden-Württembergs. Unsere Hoffnung ist, dass wir auf Grund unserer Theorie einigen Kirchen mit nach der Reformation vegessenen Patrozinien ihre Titelheiligen der Vorreformationszeit zurückgeben können.

Lassen Sie mich nun diesen Vortrag abschliessen mit einem Vers eines nicht Geringeren als unseres ganz großen Dichters, Gelehrten und Wissenschaftlers Johann Wolfgang von Goethe, der es vortrefflich verstand, viele farbige Aspekte der Natur und des menschlichen Lebens in Beziehung zueinander zu setzen und in wunderbare Worte zu fassen.

Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen,
die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
bist alsobald und fort und fort gediehen,
nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.

So musst Du sein, dir kannst Du nicht entfliehen,
so sagten schon Sibyllen, so Propheten;
und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

 

Weitere Bilder die während des Vortrages gezeigt wurden, können Sie sich hier (als .zip) herunterladen.