Seminarkurs Martin Kieß
2003:   Jonas Gaiser: Castel del Monte Teil 2

Die Achtheit ist spätestens seit Konstantin auch ein Symbol der Taufe. Mit ihr wird, nach dem Kirchenvater Ambrosius von Mailand, Vollkommenheit erreicht. Deshalb sind Taufbecken und Taufhäuser seit dieser Zeit meistens achteckig. Die berühmtesten Beispiele sind in Rom, Mailand und Ravenna zu sehen.
Taufbecken im Baptisterium, Lateran, Vatikan
Kuppel des achteckigen Baptisteriums von Ravenna
Abb 10: Taufbecken im Baptisterium, Lateran, Vatikan
Abb 11: Kuppel des achteckigen Baptisteriums von Ravenna

Kaiser Karl der Große stand als Herrscher dem Heiligen Römischen Reiches als Nachfolger Christi vor. Er ist das Bindeglied zwischen Kaiser Konstantin und Friedrich II. Ein wunderschönes Mosaik aus dem 9. Jahrhundert vom Triklinium des Lateranpalastes im Vatikan stellt die Legitimation des Kaisers Karl durch Petrus dar.

Mosaik des Triklinium, Lateran, Vatikan
Detail des Mosaiks des Trikliniums, Vatikan
Abb 12: Mosaik am Triklinium des Lateranpalastes im Vatikan
Abb 13: Der hl. Petrus investiert Papst Leo III. 
und Karl den Großen

Karl der Große und damit auch Friedrich II. konnten sich als Nachfolger Christi auf dem weltlichen Thron sehen als die Bewahrer und Beschützer des Christentums.

Kaiser Karl der Große
Pfalzkapelle des Aachener Doms
Achtstern von 780 - Karl der Große

Abb 14: Kaiser Karl der Große
Abb 15: Achteckige Pfalzkapelle des Aachener Doms
Abb 16: Achtstern von 780 - Karl der Große

Dass Friedrich sich persönlich in die Nähe Christi rückte, ist dadurch auch verbürgt, dass er in einem Brief an die Stadt Jesi die Aussage machte, "sein Bethlehem sei Jesi". Wir hörten es bereits, Jesi war der Ort seiner Geburt.

Achtstern von 1241 - Friedrich II.
Abb 17: Achtstern von 1241 - Friedrich II.

Übrigens, auch in der Musik war seit Pythagoras in der Überlieferung von Boetius schon die Einteilung der Tonhöhen in acht Stufen, in Oktaven, üblich, die eine Harmonie darstellen, die der Mensch unmittelbar beim Hören erfährt. (hier interessanter Link zu diesem Thema) Alle Harmonie, also die wunderbare Verbindung von an sich Gegensätzlichem zu einem Ganzen, galt als großartige Schöpfung Gottes, und der Mensch versuchte, diese Harmonie in all seinen Werken anzustreben.

Nun sind uns fünf Werke überliefert von einem gewissen Leonardo Bonacci, geboren um 1170 in Pisa. Mathematikern ist er unter dem Namen Fibonacci kein Unbekannter. Seine herausragenden mathematischen Fähigkeiten kamen Friedrich II. zu Ohren, und Fibonacci hatte zumindest zwei Audienzen beim Kaiser und somit Gelegenheit, Friedrich seine arithmetischen Kenntnisse auseinanderzusetzen, denn dieser interessierte sich wohl auch für mathematische Fragestellungen. Kaiser Friedrich II. wird bei der Ortswahl für ein Bauwerk von symbolischer Bedeutung mit Sicherheit seine hochrangigen Berater aus allen Zweigen der Wissenschaft konsultiert haben. Fibonacci als bedeutendster Arithmetiker des 13. Jahrhunderts könnte ihm die naheliegende Methode des arithmetischen Mittels, also der Schwerpunktbildung gleich großer Gewichte, vorgeschlagen haben. Als Basisorte zur Schwerpunktbildung gibt es nun acht Orte, die für das Leben Friedrichs II. schicksalshaft waren:

(1) Jesi, die Stadt seiner Geburt,
(2) Palermo, die Stadt seiner Krönung zum König von Sizilien am Pfingstsonntag 1198
(3) Aachen, die Stadt seiner Krönung zum deutsch-römischen König im Juli 1215,
(4) Rom, die Stadt seiner Krönung zum römischen Kaiser am 22. November 1220,
(5) Foggia, die Hauptresidenzstadt Friedrichs,
(6) Neapel, die größte Stadt seines Reiches und Ort mit der 1. Universität des Reiches,
(7) Cosenza,
(8) Jerusalem bzw. Bethlehem.

Bildet man aus den Breiten- und Längengrade dieser Orte den Schwerpunkt, so kommt man mit einer Abweichung von nur 13,3 km nördlich (das entspricht 7 Bogenminuten) und 37,3 km östlich (etwas weniger als ½ Grad) auf Castel del Monte. Diese Abweichung ist aus den damaligen Messungenauigkeiten zu erklären.
Ist es nicht sinnvoll, für den Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches einen Ort zu wählen, der sich auch geographisch in der Mitte befindet?

Und jetzt kommt ein wichtiger Punkt, auf den ich in meinem Vortrag hinaus will, nämlich auf die genau gleiche Ausrichtung des Achtecks am Himmel und des Achtecks des Castel del Monte auf der Erde.

Um 16:40 Uhr stand das am Himmel gebildete Achteck in genau der gleichen Ausrichtung wie die ein Achteck bildenden Fundamente des Schlosses. Der Zusammenhang kann deshalb so sicher behauptet werden, weil die Abweichung des himmlischen und des irdischen Achteckes von der Nordrichtung genau dieselbe war. Die Achtecke erscheinen beide um 7,5° mit dem Uhrzeigersinn gegen die eigentliche Nordrichtung gedreht.
Beim Castel ist diese Abweichung ziemlich einfach zu bestimmen. Beim Sternenachteck wäre hierzu natürlich ein gehöriger mathematischer Aufwand zu treiben, hätte man nicht den "Computer" des Mittelalters, das Astrolabium zur Verfügung gehabt. - Hut ab vor den Entwicklern dieses Gerätes!
Achtstern von 1241 über dem Grundriss von Castel del Monte
Abb 18: Achtstern von 1241 über dem Grundriss von Castel del Monte

Herr Kieß führt ihnen nun mit diesem Astrolab die drei Einstellungen vor, die für die Ausrichtung des Castel del Monte von Bedeutung waren.

Bild eines Astrolabiums
Bei der Drehung des himmlischen Achtecks um 7,5° muss nämlich berücksichtigt werden, dass eine Mittelwertbildung der Betrachtung der Planetenkonstellationen von den Standorten Jesi und Bethlehem vorgenommen wurde, um neben 
Friedrich auch Christus, als dessen Nachfolger er sich ja verstand, mit einzubeziehen. Dann ist das Achteck am vollkommendsten. Betrachtete man hingegen vom Standort des Castel del Monte aus das Achteck, dann ist es um 16:40 Uhr um 4° gegen die Nordrichtung gedreht. Schon 8 Minuten später, um 16:48 Uhr, waren es 7,5°, aber das Achteck war dann schon nicht mehr so regelmäßig.
Abb 19: Astrolabium

Castel del Monte ist also das Abbild des himmlischen Achtsterns vom 26. Dezember 1241, dem Geburtstag Friedrich II. Seine Nordausrichtung entspricht dem Mittelwert der Nordausrichtung, wie der Achtstern einerseits in Bethlehem, andererseits in Jesi zu sehen war.

Die hier in diesem Hause ausgestellte Modell-Kombination vom Castel del Monte und dem Tierkreis möchte diese geometrischen Beziehungen verdeutlichen.

Sie stellen sich nun bestimmt die Frage, wie wir überhaupt auf den Termin des 26.12.1241 gekommen sind.
Das kam so:
Bei den früheren Untersuchungen der Seminarkurse, die sich mit den Bogenfeldern und Tympana an sakralen mittelalterlichen Bauwerken beschäftigten, ist es gelungen, die darin enthaltenen Symbole als Codes von Datumsangaben für Kirchweihen zu verstehen und zu entschlüsseln. In Veröffentlichungen und anderen Ausstellungen der vergangenen Jahre präsentierten die damaligen Seminarkursteilnehmer und Martin Kieß diese Entdeckung der Öffentlichkeit.

Die Codierung dieser Jahreszahlen basiert auf dem Sonnenzirkel. Alle 28 Jahre wiederholen sich bekanntlich die Wochentage am selben Datum, weil es 7 Wochentage gibt und alle 4 Jahre ein Schaltjahr ist. Darauf ist genau der Julianische Kalender begründet.

Die am Portal zu sehenden Konsolen zählen den Divisionsrest bei einer Division der Jahreszahl durch 28. Es sind in der unteren Reihe 19 bzw. 21 Konsolen zu sehen. Sie stehen für die Jahre 1242 und 1244, die Jahre des Baubeginns und der Baufertigstellung des unteren Stockwerkes. Hierbei muss noch berücksichtigt werden, dass damals der Jahreswechsel an Weihnachten und nicht an Silvester war, d.h. der 25. Dezember gehörte bereits zum folgenden Jahr. Man nennt das den sogenannten Weihnachtsstil, der in der römisch-katholischen Kirche üblich war und heute noch ist.

Die obere Reihe zeigt 21 bzw. 23 Konsolen und steht für die Jahre 1244 und 1246, Baubeginn und -fertigstellung des oberen Stockwerks, des sogenannten Piano Nobile.

Portal in Gestalt eines Triumphbogens
Abb 20: Hauptportal des Castel del Monte in Form eines Triumphbogens

An den drei Fenstertüren, die in den Innenhof führen, findet man in den Bögen der Supraporten vegetabilische Friese, wie Lorbeerblatt- und Akanthusblatt-Friese, wonach sich mittels einer Codierung über die Anzahl der Jahre, die Friedrich II. deutsch-römischer König war, und über den Mondzyklus die drei genannten Tage bestimmen lassen. Der Mondzyklus besteht aus Monaten mit abwechselnd 29 und 30 Tagen. Ich gehe jetzt nicht im Detail auf die zugehörige Decodierung ein, das wäre im Wortvortrag zu langwierig und schwer nachzuvollziehen. Sie finden in der Ausstellung die Tafeln mit den genauen Berechnungen.

Auf jeden Fall geben die drei in Stein gehauenen Daten wichtige Zeitpunkte im Leben Friedrichs II. und des Castels an. Der mittlere Termin, 1241, ist dabei der wichtige für die Datierung des Castel del Monte.
In zeitgenössischen Quellenangaben wird bezeugt, dass im Jahre 1232 Friedrich II. vom Botschafter al Ashrafs, des Sultans von Damaskus, ein zeltförmiges Planetarium geschenkt bekam, weil sich Friedrich während seines Kreuzzuges diplomatisch verhalten hatte und es zu keinem Blutvergießen gekommen war. Friedrich schrieb einmal, neben seinem damals vier Jahre alten Sohn Konrad sei ihm dieses Planetarium das Liebste, was er habe! Vielleicht wurde deshalb das Jahr 1232 auf einem Steinfries aufgezeichnet.

Am dritten Termin auf dem Steinfries, Sonntag, dem 25.12.1244, war der Geburtstag Christi. Wir sehen in diesem Termin die Schlussweihe des zweiten Geschosses des Castels.

Dass die Menschen des Mittelalters und schon die des Altertums eine Verbindung zwischen den Sternen und ihren Bauwerken zu schaffen suchten, ist durch vielerlei Beispiele belegt. So hatte bei den Ägyptern bereits seit dem Alten Reich der Tempel die Funktion des göttlichen geordneten Kosmos. Dies bedeutet, dass der Tempel in seiner baulichen Architektur und der Dekoration dem Vorbild des Kosmos folgte. Am Beispiel des Horus-Tempels von Edfu , ca. 100 km südlich von Luxor, fertiggestellt übrigens am 5. Dezember 57 v. Chr., also auf den Tag genau heute vor 2060 Jahren, fungieren die beiden Pylontürme demnach als Bild des Horizontes, an welchem die Sonne jeden Morgen von neuem aufgeht. Von Stonehenge in Südengland wird vermutet, dass es sich um ein astronomisch motiviertes Bauwerk handelte.
Die Astrologie war für den damaligen Menschen der Versuch, sich aus seiner Hilflosigkeit, aus seinem Ausgeliefertsein gegenüber den Mächten der Umwelt und der Natur zu befreien, indem er Gesetzmäßigkeiten zu finden suchte, um auf Geschehnisse in der Zukunft vorbereitet zu sein.
Wir heutigen Menschen versuchen nichts anderes. Statt der Astrologie verwenden wir die verlässlicheren Methoden unserer Wissenschaften. Auch diese haben - wie wir alle wissen - ihre Grenzen. Aber es gelingt uns dann und wann, die Grenzen weiter nach außen zu verschieben.

Mit unseren neueren Forschungen ist es uns nach unserer Überzeugung gelungen, Bauwerke aufgrund ihrer Beziehung auf astronomische Konstellationen genauer als bisher zu datieren. Mit Castel del Monte haben wir einen besonderen Fall, für den sich eine Datierung auf den Tag genau vornehmen lässt.

Lassen Sie mich nun diesen Vortrag abschliessen mit einem Vers eines nicht Geringeren als unseres ganz großen Dichters, Gelehrten und Wissenschaftlers Johann Wolfgang von Goethe, der es vortrefflich verstand, viele farbige Aspekte der Natur und des menschlichen Lebens in Beziehung zueinander zu setzen und in wunderbare Worte zu fassen.

Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen,
die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
bist alsobald und fort und fort gediehen,
nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.

So musst Du sein, dir kannst Du nicht entfliehen,
so sagten schon Sibyllen, so Propheten;
und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Castel del Monte

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Ich bitte Sie nun, Ihre Fragen zu stellen!

Bildverzeichnis:
Abb. 1: Luftbild vom Castel del Monte
Abb. 2: Landkarte von Süditalien mit Lage des Castel del Monte
Abb. 3: Planimetrische Luftaufnahme mit eingezeichneter Achtsternfigur, aus Heinz Götze,
           Castel del Monte, Gestalt und Symbol der Architektur Friedrich II., Prestel Verlag 1991
Abb. 4: Replikation der vermeintl. Büste Friedrich II. aus dem Museo Civico, Barletta, aus Renato 
Russo,  Federico II., Cronaca della vita di un imperatore e della sua discendenza, Editione Rotas, Barletta, 1995
Abb. 5: Mosaik mit achtstrahligem Stern
Abb. 6: Achtstern von Bethlehem, 5 v. Chr.
Abb. 7: Büste Kaiser Konstantins den Großen
Abb. 8: Centionalis, röm. Münze Konstantins des Großen mit dem Labarum, J.P.C. Kent, Roman Coins (1978)
Abb. 9: Das Christussymbol zusammengesetzt aus Chi und Rho, erweitert um Alpha und Omega
Abb. 10: Taufbecken im Baptisterium, Lateran, Vatikan
Abb. 11: Kuppel des achteckigen Baptisteriums von Ravenna
Abb. 12: Mosaik am Triklinium des Lateranpalastes im Vatikan
Abb. 13: Detail des Mosaiks: Petrus investiert Papst Leo III. und Karl den Großen
Abb. 14: Büste Kaiser Karls des Großen
Abb. 15: Achteckige Pfalzkapelle des Aachener Doms
Abb. 16: Achtstern von 780 - Karl der Große
Abb. 17: Achtstern von 1241 - Friedrich II.
Abb. 18: Achtstern von 1241 über dem Grundriss von Castel del Monte
Abb. 19: Astrolabium
Abb. 20: Hauptportal des Castel del Monte in Gestalt eines Triumphbogens, von Franz Schlechter, Heidelberg
Abb. 21: Castel del Monte

Der Autor, Jonas Gaiser, Abiturient des Jahrgangs 2002/03 am Ludwig Uhland Gymnasium in Kirchheim unter Teck, studiert heute Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg.